Smarte Städte: Ja zur industriellen Seite; vielleicht zur Verbraucherseite

Verfasst von
Roger Kay
Roger Kay
Oct 5, 2021
7 minute read
enterprise IT
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Wie das Internet der Dinge (IoT) aufgebaut werden soll, ist inzwischen ziemlich klar.

Von den gewaltigen Summen an staatlichen Geldern, die bald in die Wirtschaft gepumpt werden, wird ein beträchtlicher Anteil an die Städte fließen. Und die Städte werden ihre öffentliche Infrastruktur mit Tausenden von Sensoren und Aktoren ausstatten, die sich mit Zwischenstationen verbinden und anschließend über einen optimalen, durch künstliche Intelligenz gesteuerten (KI-gesteuerten) Informationsaustausch zwischen verschiedenen Ebenen mit der Cloud kommunizieren werden. Nach Angaben der UN lebten 2018 bereits 83 % der Amerikaner in städtischen Gebieten, sodass der Ausbau des IoT in den Städten einen großen Teil unserer Erfahrung als Bürger bestimmen wird.

Die Anbieter stehen Schlange, um die Systeme zu liefern, die all diese Dienste zum Funktionieren bringen werden, und Qualcomm wirbt sowohl für ein Rundumkonzept als auch für Spezialchips, die alles voranbringen sollen.

Zu diesem Zweck veranstaltete das Unternehmen Ende September in San Diego eine zweitägige Konferenz namens Smart Cities Accelerate 2021 – persönlich vor Ort! Zu den Rednern gehörten die Bürgermeister von San Jose, Kalifornien, St. Louis, Missouri, und Miami, Florida, sowie ein von Earvin „Magic“ Johnson angeführtes Podium, das von Jon Fortt von CNN moderiert wurde und an dem neben Magics Investmentpartner Jim Reynolds auch der Qualcomm-Präsident Cristiano Amon teilnahm. Magic merkte an, dass ein Technologiepodium mit drei Schwarzen Männern etwas Neues sei, und nutzte diesen Moment, um zu betonen, dass Gleichberechtigung in die Architektur smarter Städte eingebaut werden müsse.

Datenschutz in smarten Städten?

Natürlich waren alle Anwesenden mit Feuereifer bei der Idee smarter Städte dabei – nicht zuletzt, weil sie alle tendenziell von der Einführung der Smart-City-Technologie profitieren werden, an deren Umsetzung sie gerade arbeiten. Doch es gibt noch eine ganz andere Seite smarter Städte.

Vor etwa drei Jahren ging ein BBC-Reporter namens John Sudworth zu einer Polizeiwache in Guiyang, einer Stadt mit fast 5 Millionen Einwohnern in Zentralchina, und überzeugte die dortigen Beamten, ein Experiment zu wagen. Er ließ sich fotografieren und gab ihnen einen Vorsprung von ein paar Minuten.

Dann ging er los in die Stadt und bog mehrfach ab, ohne sich allzu auffällig zu verstecken. Wozu das Ganze? Jederzeit hatten ihn mindestens drei Kameras im Blick. Die Polizisten – die seine Fotos in ihre KI zur Gesichtserkennung hochgeladen und ihn als Person von Interesse eingestuft hatten – brauchten gerade einmal sieben Minuten, um ihn zu finden.

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Das war vor drei Jahren; inzwischen sind sie darin noch besser. Die chinesische Regierung behauptet, sie könne jedes Gesicht im Land mit einem nationalen Identitätsausweis und einem Kfz-Kennzeichen abgleichen. Es handelt sich tatsächlich um einen totalen Überwachungsstaat.

Sie versicherten Sudworth jedoch, dass Menschen, die ein vorbildliches Leben führten, nichts zu befürchten hätten. Wenn man etwas Falsches tut, können sie mithilfe ihrer KI eine Woche Videomaterial zurückgehen und sehen, wo man überall war, wen man getroffen hat und wann man was getan hat. Ansonsten liegen die Daten einfach nur herum und werden schließlich durch neue Daten gelöscht.

Die Geschichte von Sudworth wurde mir am Abend nach dem ersten Tag beim Abendessen von Jeff Lorbeck erzählt, dessen offizieller Titel Senior Vice President und General Manager, Connected Smart Systems bei Qualcomm Technologies, Inc. lautet. Damit ist er im Wesentlichen der Mann, dessen Aufgabe es ist, Qualcomms IoT-Bemühungen zum Erfolg zu führen. Lorbeck lebte drei Jahre lang mit seiner Familie in China und ist dort auch abseits der Hauptstraßen gereist. Ich hatte ihn gefragt, was ihn nachts wach hält, und meine eigenen Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes in der IoT-Welt erwähnt. Er sagte mir, dass genau das ihn am meisten beunruhige.

In den Vereinigten Staaten haben wir das Zeitalter der Überwachung eingeleitet, indem wir uns selbst mit Smartphones ausgestattet haben. Jetzt ist jeder Tesla-Besitzer 100 % der Zeit im Netz. Und viele Städte haben Verkehrskameras installiert, während Unternehmen Überwachungskameras angebracht haben. Man könnte sagen, dass es Ihren digitalen Zwilling bereits gibt und er von Tag zu Tag detaillierter wird. Was also ist das große Problem?

China hat in seinen Städten bereits fast eine halbe Milliarde Überwachungskameras. London ist für seine hohe Kameradichte berühmt. US-amerikanische Städte verfügen bereits über Zehntausende Kameras. Zählt man private ebenso wie öffentliche Installationen, haben die Vereinigten Staaten Schätzungen zufolge pro Kopf eine höhere Überwachungsdichte als China.

Damit sind wir ohne große öffentliche Debatte in das Zeitalter der smarten Städte eingetreten. In einem Land, in dem die meisten Bürger kaum ihre eigene Geschichte studieren, geschweige denn die anderer Länder, schenkten nicht viele Menschen den Erfahrungen von Sidewalk Labs in Toronto, Kanada, Beachtung.

Gegenreaktion auf das Smart-City-Viertel

Sidewalk Labs, ein dem Alphabet-Konzern (der Holdinggesellschaft von Google) gehörender Stadtentwickler, arbeitete mit der Stadt Toronto an der Schaffung eines Smart-City-Modellviertels. Die Stadt besaß am Ontariosee ein 12 Acres großes Grundstück namens Quayside.

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Der Plan sah den Bau einer integrierten urbanen Umgebung mit einer fortschrittlichen elektronischen Infrastruktur vor. Smarte Technologie sollte alles steuern – von Systemen zur Verwaltung des Zugangs sowie der Heizung und Kühlung in Gebäuden über Statistiken zur Nutzung von Einrichtungen, die Steuerung des Personenverkehrs und die Beleuchtung bis hin zu (natürlich) Kameras.

Das Genehmigungsverfahren war makellos, wurde verantwortungsvoll und offen durchgeführt, mit vollständiger Offenlegung, Fristen für Stellungnahmen und beantworteten Fragen. Man könnte argumentieren, dass die Kanadier wussten, worauf sie sich einließen. Doch das verhinderte keinen regelrechten Aufschrei, als sie schließlich begriffen, worum es ging. Nach lautstarken Protesten gegen die Datenverwaltung und den Datenschutz sagte Sidewalk Labs das Projekt ab und schob die Absage unehrlicherweise auf Covid-19.

Das Problem liegt also nicht im Wie. Die Technologie entwickelt sich direkt vor unseren Augen. Sondern im Warum und im Ob. Wir haben nicht innegehalten, um uns zu fragen, was wir aufgeben werden, um die Vorteile dieser noch eingriffsintensiveren Ebene integrierter Technologie zu erlangen.

Industrielles IoT und Consumer-IoT: zwei verschiedene Welten

Vielleicht ist die Antwort nicht so schwierig, wie wir denken. Offenbar gibt es zwei Kategorien: industrielles IoT und Consumer-IoT.

Industrielles IoT ist nahezu uneingeschränkt positiv. Ein funktionierendes Wasserversorgungssystem, das Lecks selbst meldet, spart Wasser und Geld. Ein System, das die Beleuchtung, die Stromverteilung oder den Fahrplan eines Busses optimiert, ist durchweg sinnvoll. Doch wenn Verbraucher ins Spiel kommen, wird das Schwert zweischneidig.

Eine von einem Partner auf der Messe vorgestellte Lösung des Unternehmens The Indoor Lab nutzte Lidar (eine radarähnliche Bildgebung mit Lasern). Die Lidar-Bilder von Menschen, die sich in einer Innenraumveranstaltung bewegten, ähnelten Menschen genug, um sie beispielsweise von Hunden zu unterscheiden, enthielten aber keine Details – lediglich eine Ansammlung von Punkten, die verschiedene Formen bildeten.

Eine Anwendung, die lediglich Menschen zählte, könnte diese Bilder mithilfe von KI auswerten und dabei nahezu perfekte Ergebnisse erzielen, ohne die Privatsphäre der Personen im Sichtfeld zu verletzen.

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Kurze Einschätzungen zu den Vor- und Nachteilen smarter Städte

Während eines Speed-Dating-Forums stellte ich jedem der Partner, mit denen ich an den Tischen sprach, die Datenschutzfrage. Die meisten von ihnen waren Softwareunternehmen, die den Kitt entwickelten, der all diese IoT-Elemente auf nützliche Weise zusammenhalten sollte. Jeder räumte ein, dass Gegenreaktionen ein großes potenzielles Problem darstellten. Selbst diese Partner – die am meisten von der Entwicklung dieser speziellen Technologie profitieren dürften – erkannten, dass die Menschen wahrscheinlich stark reagieren werden, sobald sie verstehen, was smarte Städte tatsächlich bedeuten.

Mattias Klein, CEO von Kognition, das mithilfe smarter Kameras Bedrohungen in privaten Bereichen erkennt, räumte ein: „Alles kann zum Guten oder zum Bösen eingesetzt werden.“ Zu den Maßnahmen, mit denen Kognition dieses Böse einzudämmen versucht, gehören die dezentrale Speicherung von Daten, der Einsatz ausschließlich in privaten Bereichen (z. B. Geschäftsräumen), die Durchsetzung von Vertragsbedingungen durch den Entzug von Lizenzen und die softwareseitige Begrenzung der Anzahl von Kameras, die pro Lizenz eingesetzt werden dürfen.

Tim Kustka, Vertriebsleiter von FlightOps, einem in Israel ansässigen Smart-Drohnenunternehmen, erklärte hoffnungsvoll: „Mit der Zeit wird die Öffentlichkeit erkennen, dass die Vorteile die Nachteile überwiegen.“ Er erwähnte außerdem Sicherheitsvorkehrungen wie Geofencing und Flugverbotszonen zur Minderung von Datenschutzproblemen.

Amitabh Mathur, Mitgründer und COO von Truminds, räumte ein, dass seine Technologie, die Routen für Verkehrsdienste optimiert, Kameras zum Zählen von Menschen einsetzt. In einem Shuttlebus beispielsweise analysiert eine Kamera jeden Fahrgast tatsächlich per KI und ermöglicht eine vollständige Identifizierung, verwirft dann aber all diese Daten und zählt lediglich die Person. Mathur erzählte von einer persönlichen Erfahrung, bei der er mit neun Familienmitgliedern Urlaub im Weinland machte. Sie hatten ein Airbnb gemietet, stellten bei ihrer Ankunft jedoch fest, dass im Inneren eine Kamera angebracht war. Da mehrere Personen aus seiner Gruppe dagegen waren, fuhren sie früher als geplant nach Hause.

Bill Zierolf, ein Geschäftsentwickler von Hitachi, nannte das Problem des Datenschutzes von Verbrauchern „ein nahezu unlösbares Problem“. Hitachi versucht, solche Fragen dadurch anzugehen, dass Projekte neben finanziellen Zielen auch soziale, wirtschaftliche und ökologische Ziele erfüllen müssen. Ein Projekt wurde bereits abgelehnt, weil es die „Gegenleistungskomponente“ nicht erfüllte.

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Das größte Problem smarter Städte

Beim Consumer-IoT gibt es also eine Bilanz: Auf der einen Seite das Gute, auf der anderen das Schlechte. Das könnte man über jede Technologie sagen: Waffen schützen; Waffen richten Schaden an; das Internet bildet; Kinder verschwenden Stunden in sozialen Medien oder beim Spielen dummer Spiele; Kameras fassen Verbrecher; Kameras ermöglichen Stalking. Vieles im Consumer-IoT hat zwei Seiten.

Auf der positiven Seite könnten smarte Städte Bildungsangebote bereitstellen, die zentrale Ressourcen nutzen, aber starke lokale Komponenten haben, Drohnen starten, die Medikamente innerhalb kritischer Zeitfenster liefern, Verbrecher schnell fassen, verlorene oder entführte Kinder finden und das Wohlergehen der Bürger fördern, die bisher beim großen digitalen Ausbau zurückgelassen wurden.

Auf der negativen Seite könnten smarte Städte jede Erwartung auf Privatsphäre zerstören, ermöglichen, dass Dissidenten willkürlich zusammengetrieben werden, Stalkern, die Infrastruktur kapern, erlauben, ihre Opfer zu verfolgen, und viele weitere dystopische Szenarien ermöglichen.

Angesichts all dessen wird das größte Problem für smarte Städte darin bestehen, sie – mit all ihren Schwächen und Unvollkommenheiten vollständig offengelegt – der Öffentlichkeit zu verkaufen.

Roger Kay

Roger Kay learned how to turn a phrase while running a weekly newspaper. He’s also a former Motorolan who got an MBA at the University of Chicago en route to becoming IDC’s top analyst for the PC industry before opening his own shop, Endpoint Technologies Associates, Inc., in 2005.

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