Eine bahnbrechende MIT-Studie hat gerade einige äußerst beunruhigende Erkenntnisse darüber zutage gefördert, was ChatGPT mit unserem Gehirn anstellt (zumindest, wenn wir Aufsätze schreiben)…
Das ist passiert:
- Die Forschenden setzten 54 Personen EEG-Headsets auf und ließen sie über einen Zeitraum von vier Monaten Aufsätze schreiben.
- Eine Gruppe nutzte ChatGPT, eine andere die Google-Suche und eine dritte arbeitete ganz oldschool nur mit ihrem eigenen Gehirn.
- Bei den ChatGPT-Nutzern war die Vernetzung im Gehirn deutlich schwächer … und als sie später ohne KI schreiben sollten, wirkte ihr Gehirn eher wie das von Anfängern als wie das von geübten Schreibenden.
KI ist also wie leistungssteigernde Drogen – nur dass sie nicht wie Steroide die Muskeln größer machen, sondern sie schrumpfen lassen; man kann zwar weiterhin Leistung bringen, aber nur, wenn man sie benutzt.
Der beunruhigendste Teil war dieser: 83 % der ChatGPT-Nutzer konnten keinen einzigen Satz aus Aufsätzen zitieren, die sie gerade einmal wenige Minuten zuvor geschrieben hatten. Zum Vergleich: In der Gruppe, die ausschließlich ihr Gehirn genutzt hatte, hatten nur 11 % Schwierigkeiten, ihre eigene Arbeit zu zitieren.
Noch erschreckender: Die meisten Menschen hatten keine Ahnung davon, dass ihr Denken beeinflusst wurde. Die Bequemlichkeit fühlt sich nahtlos an, doch die kognitiven Nachteile blieben unsichtbar, bis die Forschenden tatsächlich messen konnten, was sich da oben abspielte.
Also, was passiert hier? Es ist der Google-Maps-Effekt, nur eben bei deinen Gedanken. Studien haben gezeigt, dass die Abhängigkeit von GPS das räumliche Gedächtnis schwächt und dass sich selbst zurechtzufinden gut für dein Gehirn ist (im Ernst: Versuch heute, auf dem Heimweg von der Arbeit eine neue Route zu nehmen – das hilft deinem kognitiven Orientierungssinn!).
So wie Londoner Taxifahrer messbar größere Hippocampi haben als GPS-Nutzer, scheint ChatGPT dasselbe mit unseren Denk-Muskeln zu machen.
Die MIT-Forschenden prägten dafür einen Begriff: kognitive Schulden. Im Grunde nimmst du dabei kurzfristiger Bequemlichkeit zuliebe die kognitiven Fähigkeiten der Zukunft in Anspruch.
Wir wissen bereits von der „digitalen Amnesie“ – also davon, dass wir uns immer schlechter an Informationen erinnern, die wir googeln können (kurz gesagt: Du erinnerst dich nicht an die eigentlichen Informationen, sondern daran, wo du sie findest). Aber ChatGPT treibt das noch viel weiter. Bei Google liest und verarbeitest du die Informationen zumindest. Mit ChatGPT lagerst du das Denken selbst aus.
Also, sollten wir jetzt alle auf KI verzichten? Nicht unbedingt. Die Forschenden sagen nicht: „Nutzt KI niemals.“ Aber vielleicht brauchen wir Regeln nach dem Vorbild von GPS: Nutze sie, um neue Ziele zu finden, aber schalte sie auf dem Rückweg aus.
Und jetzt kommt’s: Menschen, die ohne Unterstützung schrieben, zuerst, und anschließend ChatGPT nutzten, zeigten tatsächlich eine stärkere Vernetzung im Gehirn. Sie setzten KI strategischer ein und behielten dabei die kognitive Kontrolle.
Betrachte die Nutzung von KI für geistige Arbeit also wie Krafttraining: Du kannst für schwere Übungen einen Gewichthebergürtel verwenden, aber wenn du ihn bei jedem Training trägst, wird deine Körpermitte schwächer als eine völlig verkochte Pasta-Nudel. Glaub mir, meine Körpermitte sieht aus wie eine Tortellini!
Anmerkung der Redaktion: Dieser Beitrag erschien ursprünglich in unserer Schwesterpublikation The Neuron. Mehr von The Neuron kannst du lesen, wenn du dich hier für den Newsletter anmeldest.


