In einer sehr öffentlichen, sehr peinlichen Lektion über den Unterschied zwischen ein Problem „zu lösen“ und lediglich die Antwort „zu finden“ hat OpenAIs neuestes Modell GPT-5 für Kontroversen gesorgt.
Topforscher des Unternehmens drehten in den sozialen Medien voreilig eine Siegesrunde und behaupteten, die KI habe eine Reihe notorisch schwieriger mathematischer Rätsel geknackt. Die Feier war jedoch nur von kurzer Dauer und brachte dem KI-Giganten eine deutliche Rüge sowie eine neue Welle des Hohns aus der Branche ein.
Es begann am 12. Oktober, als Sebastien Bubeck, ein ehemaliger Vizepräsident von Microsoft und heute Mitglied des technischen Teams von OpenAI, auf X postete: „GPT-5-pro ist bei der Literatursuche übermenschlich gut. Es hat gerade das Erdős-Problem Nr. 339 ‚gelöst‘ … indem es feststellte, dass es bereits vor 20 Jahren gelöst worden war.“
Der Beitrag klang bescheiden genug, doch schon bald nahm die Sache Fahrt auf. Der Mathematiker Mark Sellke legte nach und erklärte, GPT-5 habe zehn Erdős-Probleme identifiziert, die als „offen“ aufgeführt waren, und bei elf weiteren „bedeutende Teilerfolge“ erzielt.
Kevin Weil, OpenAIs Vizepräsident für Wissenschaft, heizte die Begeisterung dann mit einem inzwischen gelöschten Beitrag weiter an: „GPT-5 hat gerade Lösungen für zehn (!) bislang ungelöste Erdős-Probleme gefunden und bei elf weiteren Fortschritte gemacht. Sie waren alle seit Jahrzehnten offen.“
Es klang, als hätte GPT-5 Geschichte geschrieben. Doch die Mathematik-Community kaufte es ihm nicht ab.
Wenn „offen“ nicht ungelöst bedeutet
Der Mathematiker Thomas Bloom, der die Website zu den Erdős-Problemen betreibt, dämpfte die Feierlichkeiten umgehend. Auf X schrieb Bloom: „Hallo, als Betreiber und Verwalter von http://erdosproblems.com ist dies eine dramatische Fehlinterpretation. GPT-5 hat Verweise auf Arbeiten gefunden, die diese Probleme lösten und von denen ich persönlich nichts wusste.“
Er stellte klar, dass die Kennzeichnung eines Problems als „offen“ auf seiner Website lediglich bedeutet, dass er keine Arbeit gesehen hat, die es löst – nicht, dass das Problem weiterhin ungelöst ist. Mit anderen Worten: GPT-5 hat tatsächlich keine neuen Beweise hervorgebracht, sondern lediglich Arbeiten entdeckt, die die Lösungen bereits enthielten.
Sogar der CEO von Google DeepMind, Demis Hassabis, meldete sich zu Wort und nannte die Situation „peinlich“. Und Metas KI-Chef Yann LeCun setzte noch einen drauf und spottete: „An ihren eigenen GPTards aufgehängt.“
Jenseits des Hypes: die wahre Geschichte
Trotz des Dramas ist die zugrunde liegende Geschichte durchaus relevant. GPT-5 bewies beeindruckende Fähigkeiten – nicht als Mathematiker, sondern als Detektiv für wissenschaftliche Literatur. Das Modell förderte obskure Arbeiten zutage, die selbst einem Fachexperten entgangen waren.
Wie der renommierte UCLA-Mathematiker Terence Tao betonte, liegt die wahre Stärke von KI in der Mathematik nicht im Lösen offener Probleme, sondern darin, die mühsame Routinearbeit zu beschleunigen: Literaturauswertung, Mustersuche und die Entwicklung von Hypothesen.
Genau das hat GPT-5 getan: Es hat den Forschungsprozess „industrialisiert“. Nur eben nicht auf die Weise, die seine Nutzer zunächst behaupteten.
Eine lehrreiche Lektion
Der Vorfall erinnert einmal mehr daran, dass die Leistungen von KI ebenso sorgfältig überprüft werden sollten wie ein mathematischer Beweis. Für OpenAI ergibt sich daraus eine ernüchternde Gleichung: Überheblichkeit + unpräzise Formulierungen = eine große Fehlkalkulation.
GPT-5 hat keine neue Mathematik erschlossen, aber eine Diskussion darüber angestoßen, wie Hype – selbst wenn er unbeabsichtigt ist – die wissenschaftliche Glaubwürdigkeit verzerren kann.
Wir leben in polarisierten Zeiten. OpenAI hat die Nutzung von Martin Luther King Jr.s Abbild in Sora eingestellt, nachdem Nutzer gefälschte Clips erstellt hatten, in denen der Bürgerrechtler auf „respektlose“ Weise dargestellt wurde.


