„Software frisst die Welt“, stellte Marc Andreessen so berühmt 2011 fest. Doch jetzt, im Jahr 2021, ist es an der Zeit, seiner berühmten Binsenweisheit eine neue Wendung hinzuzufügen: „und künstliche Intelligenz frisst Software.“
Offensichtlich wird künstliche Intelligenz das Softwaregeschäft auf jeder Ebene verändern: die Funktionsweise von Anwendungen, ihre Weiterentwicklung und sogar ihren Vertrieb. Die wohl revolutionärste dieser Veränderungen betrifft jedoch die Entwicklung von Anwendungen.
Die KI-Technologie, die diesen Wandel vorantreibt, wird mit verschiedenen Begriffen bezeichnet, doch die Formulierung „KI-gestützte Softwareentwicklung“ ist ebenso passend wie jede andere. Sie steht bei Gartner ganz oben in der Übersicht der aufkommenden Technologien:

Was ist KI-gestützte Softwareentwicklung? Kurz gesagt: ein System aus Entwicklungswerkzeugen und -plattformen mit integrierter KI, das eine exponentiell schnellere und bessere Erstellung von Apps ermöglicht als das Programmieren „von Hand“ oder mit herkömmlichen Entwicklerwerkzeugen.
Zu den weiteren Vorteilen gehört, dass das KI-gesteuerte System die Routinetätigkeiten beim Anlegen von Code übernimmt; es kann sogar Code-Frameworks vorhersagen oder vorschlagen.
KI ermöglicht Citizen Developer
Besonders bedeutsam ist, dass KI auch weniger technikaffinen Menschen ermöglicht, Anwendungen zu erstellen oder zu aktualisieren. Die Öffnung der Softwareentwicklung für Menschen ohne technischen Hintergrund ist ein großer Umbruch – sie sind der kleinen Gruppe qualifizierter Entwickler zahlenmäßig weit überlegen. Während qualifizierte Entwickler mit KI schneller arbeiten werden, könnte die große Gruppe der Nichtentwickler der Innovation einen generationenübergreifenden Schub verleihen.
Dabei ist zu beachten, dass Gartner die KI-gestützte Softwareentwicklung ganz an die Spitze der „überzogenen Erwartungen“ setzt. Sicher ist: Diese Idee ist (größtenteils) noch eine Hoffnung für die Zukunft und hat selbst im besten Fall Grenzen.
Das Problem ist, dass das Schreiben von Software wie jede anspruchsvolle geistige Tätigkeit ist: Für herausragende Arbeit sind das Urteilsvermögen und die Nuancen des menschlichen Verstands erforderlich. Softwareentwicklung ist kreativ, wie jeder gute Entwickler bestätigen wird. So wie ein Computer kein Lied komponieren kann (auch wenn er „liedähnliche Musik“ erzeugen kann), kann ein komplexes, neuartiges Stück Software noch immer nicht von einem KI-System programmiert werden.
Andererseits „lernt“ ein KI-System geradezu ungeheuer viel und kann daher Wege vorschlagen, die selbst dem kreativsten Menschen entgehen könnten. Ein KI-gestütztes Softwareprogramm verarbeitet eine Datenflut; es erlangt Wissen (oder zumindest Daten) sehr viel schneller und umfassender als Menschen. Es kann nicht die „Sprünge“ menschlicher Entwickler vollziehen, aber es kann Muster aufzeigen und Entscheidungsbäume ausfüllen oder sogar künftige Entwicklungen vorhersagen.
Low-Code-Plattformen beginnen, KI-gestützte Softwareentwicklung zu integrieren
Die KI-gestützte Softwareentwicklung nimmt parallel zum schnell wachsenden Low-Code-/No-Code-Markt zu. Eine Low-Code-Softwareplattform bietet eine leicht verständliche visuelle Oberfläche, über die Menschen ohne technischen Hintergrund Anwendungen erstellen oder anpassen können.
Große Low-Code-Plattformen beginnen, KI zu integrieren, insbesondere Google’s AppSheet und Microsoft’s Power Platform. AppSheet nutzt die Verarbeitung natürlicher Sprache (NLP), damit Citizen Developer einfach Sprachbefehle für die Entwicklung der App geben können. Diese noch in den Kinderschuhen steckende Nutzung von NLP ist der Traum jedes Zukunftsforschers: Software zu erstellen ist so einfach wie ein Gespräch mit einem Computer.
AppSheet nutzt KI und ML, um mithilfe des eigenen Datenbestands einer App Vorhersagemodelle in eine Anwendung zu integrieren. Bemerkenswerterweise behauptet Google, dass der Entwickler für diese ML-intensive Aufgabe keinerlei Vorkenntnisse in ML benötigt.
Auch Microsofts Power Platform umfasst die Module Power Automate und Power BI, mit denen Entwickler ohne technischen Hintergrund relativ einfach Analysesysteme entwerfen und in die Anwendung integrieren können. KI öffnet tatsächlich Türen für eine völlig neue Gruppe von Citizen Developern.
Diese größere Gruppe von „Entwicklern“ wird gebraucht. Die Einführung der KI-gestützten Softwareentwicklung ist für Unternehmen unerlässlich, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Entwickler sind teuer und rar: Die US-Arbeitsmarktstatistik zeigt, dass im Jahr 2020 1,4 Millionen Stellen in der Informatik unbesetzt waren. Unternehmen stehen regelmäßig vor Herausforderungen bei der Einstellung von Softwareentwicklern.
Vier langfristige Auswirkungen der KI-Erweiterung
Klar ist: KI-gestützte Software wird die Zukunft dramatisch prägen. Wenn das Schreiben von Software so zugänglich ist wie das Verfassen eines ausführlichen Berichts, wird sich das Tempo der Geschäftswelt auf unvorhersehbare Weise verändern. Einige naheliegende Annahmen:
- Datenexplosion Es ist wahrscheinlich, dass die meisten mit KI-gestützten Werkzeugen erstellten Apps Daten auswerten, verarbeiten oder präsentieren werden. Jeder fähige Mitarbeiter wird neue Möglichkeiten finden können, Daten für Wettbewerbsvorteile zu nutzen; der durchschnittliche Vertriebsmitarbeiter wird Apps anpassen, um mehr über potenzielle Kunden zu erfahren. Das Ergebnis wird sein, dass Data-Mining noch stärker exponentiell wachsen wird als heute.
- Sicherheitsbedenken: Es ist vernünftig anzunehmen, dass Mitarbeiter auf niedrigerer Ebene keine Anwendung programmieren können, die einen groß angelegten Cyberangriff ermöglicht. Um dies zu verhindern, werden KI-gestützte Plattformen – so hoffen wir – über „Leitplanken“ verfügen, die Cybersicherheitslücken durch unerfahrene Entwickler blockieren. Bei einer derart viel größeren Armee von Citizen Developern, die so viele komplexe Strukturen erstellen – und mit dem Fortschritt der KI immer fortschrittlicher werden –, ist jedoch zu erwarten, dass wir Sicherheitslücken sehen werden.
- KI entwickelt KI: Als Impuls für die KI werden KI-gestützte Entwicklungsplattformen genutzt werden, um weitere Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz zu schaffen. Dieser Prozess wird ein selbstreferenzielles exponentielles Wachstum antreiben: Ein Werkzeug, das KI nutzt, wird KI-Produkte erstellen, die wiederum eine schnellere und fortschrittlichere Entwicklung KI-gestützter Anwendungen ermöglichen. Das ist womöglich eine schwindelerregende Aussicht. Wohin uns die Zukunft in dieser Hinsicht führt, lässt sich schwer sagen. Wenn Zukunftsforscher jedoch von der „Singularität“ sprechen – dem Zeitpunkt, an dem Maschinen echte Unabhängigkeit erlangen –, deutet dieser Aspekt „KI entwickelt KI“ eindeutig darauf hin.
- Demokratisierung der Technologie: Die wohl größte Auswirkung von KI-gestützter Software ist sicherlich die Demokratisierung der Softwareentwicklung und der Technologie insgesamt. Cloud Computing ermöglichte es kleinen Unternehmen (sogar Start-ups), ein Rechenzentrum zu mieten und so mit weitaus größeren Unternehmen zu konkurrieren. Ebenso werden KI-gestützte Softwareplattformen kleineren Unternehmen ermöglichen, eine umfangreiche wettbewerbsfähige Infrastruktur aufzubauen.
Unterm Strich werden wir schon bald auf die heutige Software ohne KI zurückblicken und uns fragen: Wie haben wir mit diesen Anwendungen überhaupt etwas zustande gebracht?


