Eine KI-generierte Sängerin ist für viele Iraner zum unerwarteten Symbol des Widerstands geworden, nachdem ihr Lied „Javanan-e Vatane“ („Jugend der Heimat“) mehr als 13 Millionen Instagram-Aufrufe.
Die rasche Verbreitung des Stücks hat Nava von einem digitalen Kunstprojekt zu einem politischen und kulturellen Brennpunkt gemacht.
Die digitale Sängerin Nava wurde von dem im Vereinigten Königreich ansässigen, im Iran geborenen Künstler Farbod Mehr geschaffen. Mehr erklärte, er habe die Figur entworfen, um iranische Frauen zu repräsentieren, denen es im Iran verboten ist, öffentlich solistisch zu singen. Damit verfolgt das Projekt einen klaren politischen Zweck, anstatt lediglich als KI-Experiment präsentiert zu werden.
Warum sich Millionen mit einer künstlichen Stimme identifizierten
Laut der Berichterstattung von The Guardian über Nava, kamen mehr als 70 % des Publikums des Liedes trotz Internetbeschränkungen aus dem Iran. Diese Reichweite trug dazu bei, dass das Lied zu mehr als nur einem viralen Beitrag wurde – insbesondere, weil es sich während einer Phase staatlicher Repression und eines Krieges verbreitete.
Mehr schuf Nava bewusst als Stellvertreterin für Frauen, deren Stimmen im Iran eingeschränkt werden. Der Liedtext greift auf das Werk von Aref Qazvini zurück, einem Dichter des 20. Jahrhunderts, der mit antiautoritären Themen verbunden wird, während die Melodie klassische iranische Elemente mit zeitgenössischer französischer Volksmusik verbindet.
The Guardian zitierte Mehr außerdem mit der Aussage, die Menschen wollten sich in der Figur wiedererkennen und Nava sei zur „Stimme der Zeit geworden, in der wir leben“.
Diese Verbindung aus Symbolik und Vertrautheit scheint Teil der Anziehungskraft zu sein. Nava ist künstlich, doch die Bezüge in ihrem Umfeld sind es nicht: Der Liedtext stammt aus einer bekannten iranischen literarischen Tradition, und das Projekt steht im Zusammenhang mit den aktuellen Einschränkungen der öffentlichen Auftritte von Frauen. Dadurch erhält das Lied eine deutlichere politische Bedeutung als eine bloße KI-Veröffentlichung.
Die verschwimmenden Grenzen zwischen virtuellem und realem Einfluss
Navas Präsenz geht inzwischen über ein einzelnes Lied hinaus. Online tritt sie als virtuelle Influencerinauf, und The Guardian berichtete, dass sie im April als Hologramm in Washington und Toronto auftreten soll. Nava hat außerdem mit dem iranischen Rapper Mehrad Hidden zusammengearbeitet. Das zeigt, wie virtuelle und menschliche Künstler bereits in denselben kreativen Raum vordringen.
Der Iran hat laut Tehran Times beim 41. Internationalen Musikfestival Fajr ebenfalls eine eigene KI-Sängerin namens Avin präsentiert. Dieser Kontrast macht Nava noch bemerkenswerter: Die eine KI-Sängerin ist aus offiziellen Kulturkanälen hervorgegangen, während die andere vom Publikum als Symbol des Widerspruchs angenommen wurde.
Der Aufstieg von Nava deutet darauf hin, dass das Publikum KI-generierte Kunst als politisch bedeutsam begreift, wenn sie eine Realität widerspiegelt, die ihm vertraut ist. In diesem Fall ist die Technologie Teil der Botschaft und lenkt nicht von ihr ab.
Auch lesenswert: Die Rolle der KI im Iran-Konflikt hat ebenfalls Desinformation angeheizt, darunter virale Fake-Bilder, die angeblich im Iran gefangene US-Soldaten zeigen.


