Wer heute durch einen Bahnhof oder ein Einkaufsviertel in Western Australia geht, muss mit einer neuen Möglichkeit rechnen: Ein KI-System könnte das eigene Gesicht mit einer polizeilichen Fahndungsliste abgleichen.
Die Polizei von Western Australia führt einen fünfmonatigen Test mit Echtzeit-Gesichtserkennung durch. Die Technologie kann Menschen in Echtzeit über Kameras scannen, die an gekennzeichneten Polizeifahrzeugen angebracht sind. In der ersten Woche des Einsatzes wurden nach Angaben von aktuellen Berichten aus Australien.
Für die Australier wirft das Experiment eine Frage auf, die über die Frage hinausgeht, ob die Technologie gesuchte Personen aufspüren kann: Wie viel KI-gestützte Überwachung sollten Menschen allein dadurch erleben, dass sie sich durch einen öffentlichen Raum bewegen?
So funktioniert der australische Test mit Echtzeit-Gesichtserkennung
WA Police startete den Test im Juni und bezeichnete die Echtzeit-Gesichtserkennung als Werkzeug, um unter anderem gesuchte Straftäter, vermisste Personen und andere von der Polizei gesuchte Menschen aufzuspüren.
Laut der Erläuterung von WA Police zur Technologieerkennen Kameras Gesichter innerhalb eines festgelegten Bereichs und erstellen vorübergehende biometrische Vorlagen. Diese Vorlagen werden mit einer Alarmierungsliste abgeglichen, die von der Polizei gespeicherte Bilder enthält.
Wenn die Software eine mögliche Übereinstimmung erkennt, überprüft ein Beamter die Meldung, bevor er entscheidet, ob er sich der Person nähert. Die Polizei erklärt, dass biometrische Vorlagen von Personen, bei denen keine Meldung ausgelöst wird, automatisch gelöscht werden.
Dieser Unterschied ist wichtig. Die australische Polizei hat Gesichtserkennung bereits zuvor auf aufgezeichnete Bilder angewendet, doch der Test in Western Australia bringt die Technologie in den öffentlichen Raum und setzt sie dort live ein.
Ähnliche Einsätze haben andernorts bereits für Streit gesorgt. In den USA setzte die Polizei von New Orleans Echtzeit-Gesichtserkennung ein, um Menschen zu verfolgen, was zeigt, wie sich die Technologie von nachträglichen Ermittlungen hin zur Überwachung in Echtzeit entwickeln kann.
130.000 Gesichter in einer Woche gescannt
Das Ausmaß des Experiments in Western Australia wurde nach der ersten Woche deutlicher.
Ein Polizeifahrzeug scannte in stark frequentierten öffentlichen Bereichen mehr als 130.000 Gesichter und erzeugte 33 Meldungen, wie australische Berichte über den Test zeigen. Dem neuesten Bericht zufolge führten diese Meldungen zu 18 Festnahmen sowie zu zwei Fehlalarmen.
Frühere Berichte nannten 19 Festnahmen, wodurch eine Diskrepanz zwischen den veröffentlichten Zahlen entstand. Die öffentliche Seite von WA Police zur Echtzeit-Gesichtserkennung enthält derzeit keine Angaben zu diesen Zahlen der ersten Woche. Wie dem auch sei: Die Zahlen zeigen ein auffälliges Missverhältnis. Mehr als 130.000 Gesichter wurden analysiert, um einige Dutzend Meldungen zu erzeugen.
WA Police betont, dass die Einsätze offen und nicht heimlich erfolgen. Die Behörde verwendet gekennzeichnete Fahrzeuge, Hinweisschilder und QR-Codes, um die Öffentlichkeit darüber zu informieren, dass Echtzeit-Gesichtserkennung eingesetzt wird. Einsätze müssen außerdem von einem Beamten im Rang eines Superintendenten oder höher genehmigt werden. Dabei müssen die Verantwortlichen berücksichtigen, ob der Einsatz der Technologie notwendig und verhältnismäßig ist.
Doch eine Benachrichtigung ist etwas anderes als eine Zustimmung. Menschen, die einen Bereich passieren, melden sich nicht aktiv beim Gesichtserkennungssystem an, bevor ihre biometrischen Daten analysiert werden.
Die Technologie ist Teil einer umfassenderen weltweiten Debatte darüber, wer unter welchen Umständen ein Gesicht scannen darf. China etwa hat die Gesichtserkennung durch private Organisationen eingeschränkt, behandelt Behörden der öffentlichen Sicherheit jedoch anders, wie eWeek 2025 berichtete.
Datenschutzfragen begleiten Australier im öffentlichen Raum
Kritiker sagen, dass das Löschen biometrischer Vorlagen die grundsätzliche Datenschutzfrage rund um die groß angelegte Analyse von Menschen, die sich durch öffentliche Bereiche bewegen, nicht beseitigt.
Western Australia stuft biometrische Informationen als sensible personenbezogene Daten ein. Nach der Datenschutzerklärung der Polizeides Bundesstaates unterliegt WA Police dem Privacy and Responsible Information Sharing Act 2024, wobei bei der Wahrnehmung von Aufgaben der Strafverfolgung Ausnahmen gelten können.
In Stellungnahmen gegenüber news.com.au warnte Greg Barns SC, ein Sprecher der Australian Lawyers Alliance, dass Technologien zur polizeilichen Überwachung auf die Beobachtung von Menschen ausgeweitet werden könnten, die rechtmäßigen Aktivitäten nachgehen. Auch Anna Zenz, Rechtswissenschaftlerin an der University of Western Australia, erklärte gegenüber dem Medium, sie habe Bedenken hinsichtlich der Aufsicht und des möglichen „function creep“ – also einer schrittweisen Ausweitung einer ursprünglich für einen bestimmten Zweck eingeführten Technologie auf andere Einsatzbereiche.
Von news.com.au zitierte Experten äußerten zudem Bedenken, ob Gesichtserkennungstechnologie bei der vielfältigen Bevölkerung Australiens unterschiedlich gut funktionieren könnte. Dadurch könnte das Risiko von Fehlidentifizierungen bei Minderheitengruppen steigen. WA Police erklärt dagegen, Tests ihres Systems hätten unter kontrollierten Bedingungen eine hohe Genauigkeit und minimale demografische Unterschiede ergeben. Zudem seien Schutzvorkehrungen vorhanden, um Verzerrungen und falsche Übereinstimmungen zu verringern.
Der Test in Western Australia hat den jüngsten Berichten zufolge bereits zwei Fehlalarme hervorgebracht. WA Police betont, dass eine Meldung der Gesichtserkennung nicht als positive Identifizierung gilt und dass Beamte eine Übereinstimmung unabhängig bewerten müssen.
Diese Pflicht zur menschlichen Überprüfung ist wichtig, weil Gesichtserkennung auf eine Geschichte von Fehlalarmen und umstrittenen Einsätzen durch Strafverfolgungsbehörden zurückblickt. eWeek hat bereits Datenschutzbedenken rund um die Gesichtserkennungstechnologie untersucht, einschließlich der Folgen der Identifizierung von Menschen, die in der Öffentlichkeit ansonsten anonym bleiben könnten.
Was passiert nach dem Test?
WA Police erklärt, dass jeder Einsatz von Echtzeit-Gesichtserkennung evaluiert wird. Der fünfmonatige Test soll dazu beitragen, zu bestimmen, wie die Technologie künftig eingesetzt werden könnte. Damit wird Western Australia gewissermaßen zu einem nationalen Testfall.
Sollte die Polizei zu dem Schluss kommen, dass der Test die öffentliche Sicherheit verbessert hat, könnten andere australische Bundesstaaten und Territorien die Ergebnisse genau prüfen. Der Test gibt Datenschutzaktivisten, Gesetzgebern und Anwohnern jedoch auch etwas Konkreteres zu bewerten: nicht, wie KI-Überwachung in Echtzeit irgendwann aussehen könnte, sondern wie sie funktioniert, wenn mehr als 100.000 gewöhnliche Menschen an ihren Kameras vorbeigehen.
Die Debatte über Gesichtserkennung beschränkt sich längst nicht mehr auf Smartphones, Flughäfen oder hypothetische KI-Regulierung. Für Australier, die sich durch öffentliche Räume in Western Australia bewegen, findet sie bereits statt.
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