Anthropic lässt nun endlich auch normale Nutzer seine leistungsfähigste KI-Architektur ausprobieren.
Das in San Francisco ansässige KI-Startup hat am Dienstag Claude Fable 5 auf den Markt gebracht, eine öffentlich verfügbare Version seines hochgelobten Modells der Mythos-Klasse.
Die erstmals im April vorgestellte zentrale Mythos-Technologie wurde wegen akuter Bedenken hinsichtlich ihrer leistungsfähigen Hacking- und biologischen Fähigkeiten bekanntermaßen von der breiten Öffentlichkeit ferngehalten. Durch die Implementierung eines strikten Ausweichsystems glaubt Anthropic, einen sicheren Mittelweg zwischen kommerzieller Nachfrage und nationaler Sicherheit gefunden zu haben.
Sicherheit als Mittelweg
Fable 5 basiert auf derselben grundlegenden Architektur wie sein eingeschränkt verfügbares Geschwistermodell, ist jedoch mit speziellen „Sicherheitsklassifikatoren“ ausgestattet. Diese separaten KI-Systeme fungieren als Gatekeeper und prüfen eingehende Prompts auf Hochrisikothemen.
Wenn ein Nutzer versucht, Fable 5 zu offensiven Cybersecurity-Taktiken, Chemie, Biologie oder Modelldestillation zu befragen, leitet das System die Anfrage automatisch um. Statt die Anfrage schlicht abzulehnen, leitet die Plattform die Aufgabe an ein Modell der nächstniedrigeren Stufe weiter, Claude Opus 4.8, das Ende Mai veröffentlicht wurde.
Anthropic zufolge wird dieser Fallback durchschnittlich in weniger als 5 % der Nutzersitzungen ausgelöst, sodass die verbleibenden 95 % der Interaktionen mit der vollen Leistung auf Mythos-Niveau ausgeführt werden.
Um die Robustheit dieser Schutzvorkehrungen zu belegen, unterzog das Unternehmen Fable 5 mehr als 1.000 Stunden externem „Red-Teaming“ und führte ein spezielles Bug-Bounty-Programm durch. Anthropic zufolge brachte dieser Härtetest keine erfolgreichen „universellen Jailbreaks“ hervor, die das Modell vollständig hätten entsperren können.
Rekorde bei Benchmarks
Wenn die Sicherheitsvorkehrungen nicht ausgelöst werden, zeigt Fable 5 bei umfangreichen, komplexen technischen und analytischen Aufgaben einen gewaltigen Fortschritt.
Erste Testpartner berichteten von sofortigen Effizienzsteigerungen. Stripe zufolge migrierte Fable 5 erfolgreich eine umfangreiche Ruby-Codebasis mit 50 Millionen Zeilen innerhalb eines einzigen Tages – ein Projekt, für das ein komplettes Entwicklerteam manuell schätzungsweise mehr als zwei Monate gebraucht hätte.
Unabhängige Benchmarks zeichnen ein ähnliches Bild der Dominanz:
- SWE-bench-pro: Fable 5 erzielte bei agentischen Programmierfähigkeiten mit 80,3 % die bisher höchste Punktzahl und übertraf damit deutlich OpenAIs GPT-5.5 (58,6 %) sowie Googles Gemini 3.1 Pro von Google DeepMind (54.2%).
- Hex-Finanzbenchmark: Das Analyseunternehmen Hex gab bekannt, dass Fable 5 als erstes Modell bei seinem zentralen Benchmark für komplexe, langwierige Denkaufgaben auf Senior-Niveau die Marke von 90 % überschritten hat.
- Vision und Autonomie: In Stresstests erwies sich das Modell als fähig, Webanwendungen direkt anhand von Screenshots nachzubauen. Es schaffte es sogar, Pokémon FireRed mit einem rudimentären, ausschließlich auf visueller Verarbeitung basierenden Testsystem erfolgreich zu schlagen – eine Leistung, an der frühere Claude-Versionen wiederholt gescheitert waren.
Die uneingeschränkte Stufe: Claude Mythos 5
Parallel dazu brachte Anthropic Claude Mythos 5 auf den Markt, die vollständig uneingeschränkte Version des Modells, die ausdrücklich auf den Verteidigungssektor zugeschnitten ist.
Mythos 5 wird derzeit über „Project Glasswing“, eine gemeinsame Cybersecurity-Initiative, eingesetzt, die in Zusammenarbeit mit anderen führenden KI-Unternehmen betrieben wird. Der Pool vertrauenswürdiger Partner des Projekts wurde Anfang Juni kürzlich auf rund 200 Organisationen in mehr als 15 Ländern erweitert.
Über den Verteidigungsbereich hinaus haben die internen Wissenschaftler von Anthropic das uneingeschränkte Mythos 5 genutzt, um Pipelines für das Proteindesign um etwa das 10-Fache zu beschleunigen. Dabei führte das Modell komplexe Abläufe wie die Auswahl von Bindungsstellen und die Behebung von Softwarefehlern autonom und ohne menschliches Eingreifen aus.
Das Unternehmen plant, bald ein „Programm für vertrauenswürdigen Zugang“ einzuführen, um diese Fähigkeiten in Biologie und Cyberabwehr schrittweise auf verifizierte akademische und unternehmerische Forscher auszuweiten.
Hohe Intelligenz, höherer Preis
Die Speerspitze des KI-Schlussfolgerns ist nicht billig. Sowohl Fable 5 als auch Mythos 5 kosten 10 US-Dollar pro Million Eingabetoken und 50 US-Dollar pro Million Ausgabetoken – damit ist ihr Betrieb doppelt so teuer wie der von Claude Opus 4.8.
Die Premiumpreise spiegeln die enormen Infrastrukturkosten wider, die das Startup belasten. Anthropic ist weiterhin weit von der Profitabilität entfernt und verbrennt derzeit Kapital, um sich Rechenleistung zu sichern – darunter einen gewaltigen Mietvertrag für Rechenzentren mit Elon Musks xAI im Umfang von 1,25 Milliarden US-Dollar pro Monat.
Anthropic hat kürzlich eine Finanzierungsrunde der Serie H über 65 Milliarden US-Dollar abgeschlossen, wodurch die private Bewertung auf atemberaubende 965 Milliarden US-Dollar stieg und das Unternehmen am Konkurrenten OpenAI (852 Milliarden US-Dollar) vorbeizog.
Da beide KI-Schwergewichte in der vergangenen Woche ihre IPO-Prospekte vertraulich bei der SEC eingereicht haben, wird die kommerzielle Einführung von Fable 5 zu einem entscheidenden Test dafür, ob Anthropic seine technischen Meilensteine in einen nachhaltigen Wert am öffentlichen Kapitalmarkt umwandeln kann.
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