Lassen Sie uns den aktuellen Moment neu einordnen: Wir würden argumentieren, dass wir in den vergangenen 15 Jahren in der „Lesen/Schreiben“-Ära der Technologie gelebt haben. Man tippt auf einen Glasbildschirm, öffnet eine App, drückt Tasten – und erhält ein Ergebnis.
Berichte aus China und dem Silicon Valley bestätigen nun, dass 2026 das Jahr ist, in dem wir in die von uns so bezeichnete Ära des „Anweisens/Überprüfens“ wechseln: eine Zeit, in der das zentrale Interaktionsparadigma lautet, dass man einer KI sagt, was man möchte, und sie es für einen erledigt.
Dieser Wandel vollzieht sich in zwei gewaltigen Wellen: Software im Osten und Hardware im Westen.
Man kann es Ihnen nicht verübeln, wenn Sie dachten, es sei umgekehrt, denn ich spreche nicht über den Fortschritt an der technologischen Spitze (bei dem westliche KI-Labore führende KI-Modelle entwickeln und chinesische Labore Roboter-Hardware in großem Maßstab massenproduzieren). In diesem Fall geht es um die Anwendungsebene. Genauer gesagt geht es um den Tod der App als eigenständiger „App“.
Okay, der Tod der App ist vielleicht etwas dramatisch formuliert. Aber ich spreche von der Weiterentwicklung der Super-App zu ihrer endgültigen, leistungsfähigsten Form: dem Betriebssystem.
Das geschieht in zwei Schritten: Benutzeroberfläche und Distribution
1. Der Wandel der Benutzeroberfläche (die „Super-App“ wird zum Betriebssystem): In der alten „Lesen/Schreiben“-Ära war eine Super-App ein überfüllter Bildschirm mit 1.000 Mini-App-Symbolen (Fahrdienste, Essen, Zahlungen). Das war chaotisch.
In der neuen „Anweisen/Überprüfen“-Ära ist die „Super-App“ einfach ein einziges Chatfenster (oder eine echte Sprachunterhaltung in der realen Welt). Dafür wird sie eine Art Arbeitsfläche brauchen. Wir mögen Strukturen, also wird es nicht unbedingt eine unendliche Arbeitsfläche sein, aber für mich ist das die sinnvollste Vorstellung.
Etwas, das einer unendlichen Arbeitsfläche ähnelt und auf der man spontan seine eigene generative Benutzeroberfläche erstellen oder bei seinen voreingestellten Favoriten (oder den Standardeinstellungen der Anwendungsentwickler) bleiben kann.
2. Der Wandel der Distribution (der „App Store“ wird zum „Agenten-Store“): Wenn die Benutzeroberfläche ein Gespräch ist, sind „Apps“ keine Symbole mehr, die man herunterlädt, sondern Fähigkeiten, die man anheuert.
- Der alte Weg: Man geht in den App Store, lädt „Expedia“ herunter, erstellt ein Konto und tippt auf Schaltflächen.
- Der neue Weg: Man geht in den „Agenten-Store“ (der wahrscheinlich von Apple, OpenAI, Google oder Tencent kontrolliert wird) und „aktiviert“ den Expedia-Agenten.
- Die Interaktion: Wenn man Siri oder WeChat nun sagt: „Buche eine Reise“, delegiert die eigene Super-App die Aufgabe im Hintergrund an den Expedia-Agenten.
Das Ergebnis: Die „Super-App“ wird im Grunde zum Browser und Betriebssystem für das gesamte digitale Leben.
Hier sind nun die harten Belege für diesen Paradigmenwechsel
Erstens: der Wandel zum „Software-Agenten“ (China): Laut einem neuen Bericht von CNBC vollziehen die chinesischen Tech-Giganten Alibaba, Tencent und ByteDance derzeit aggressiv den Wandel von „Super-Apps“ zum „agentischen Handel“.
- Alibaba (Taobao): Integriert seine Qwen-Modelle , um komplexe Aufgaben wie „Plane eine Geburtstagsfeier für weniger als 200 US-Dollar“ zu erledigen, automatisch Artikel zu finden, Gutscheine anzuwenden und den Versand zu organisieren.
- Tencent (WeChat): Setzt „intelligente Agenten“ ein, die Buchungen und Zahlungen direkt im Chatverlauf automatisieren und so das Durchklicken durch Mini-App-Menüs überflüssig machen.
OpenAIs Versuch, Apps in ChatGPT zu integrieren, ist die westliche Variante davon. Man kann das in Aktion testen, wenn man diese Apps aktiviert: Statt die Canva-App zu öffnen, ruft man den Canva-Agenten auf, wenn man eine Präsentation erstellen möchte.
Zweitens: der Wandel zum „Hardware-Agenten“ (USA): Während China die Software neu erfindet, versucht die USA, den Bildschirm vollständig abzuschaffen. Man denke an die neue Rivalität zwischen OpenAI und Apple bei sprachzentrierten Hardware-Designs:
- Apples KI-Pin: MacRumors berichtet unter Berufung auf The Information, dass Apple ein tragbares Gerät in der Größe eines AirTags mit mehreren Kameras und Mikrofonen entwickelt. Es soll ein „Siri-first“-Gerät sein, das als visueller Assistent fungiert und sieht, was man selbst sieht.
- Und dann ist da noch die neue Siri: Mark Gurman von Bloomberg berichtete, dass iOS 27 Siri zu einem von Google Gemini betriebenen „ChatGPT-ähnlichen Chatbot“ umgestalten wird, der komplexe, mehrstufige Aktionen ausführen kann.
- OpenAI und Jony Ive: OpenAI bestätigte, dass sein neues Hardware-Gerät „auf Kurs“ für eine Vorstellung Ende 2026 ist. Gerüchten zufolge handelt es sich um ein Audio-first- und bildschirmloses Wearable mit dem Codenamen „Sweetpea“, das die Bildschirmzeit reduzieren soll.
Und dann gibt es noch den physischen Körper des Agenten: Microsoft hat gestern „Rho“, ein neues KI-Modell, das speziell für Roboter entwickelt wurde, veröffentlicht.
- Das Neue daran: Rho ist ein von Microsoft als „VLA+“-Modell (Vision-Language-Action + Touch) bezeichnetes Modell. Es vermittelt Robotern ein Gefühl für Berührung und ermöglicht es ihnen, ihren Griff anzupassen, wenn sie Widerstand spüren.
- Das Lernen: Anders als ältere Roboter, die perfekten Code benötigten, lernt Rho durch „Kurskorrektur“. Wenn etwas schiefgeht, kann ein Mensch den Roboter mit einem Joystick anstupsen, und das Modell lernt sofort aus genau diesem Eingriff.
Warum das wichtig ist
Wir treten in eine seltsame Phase ein, in der Technologie bald weniger einem Werkzeug gleicht, das man benutzt (einem Hammer), und mehr – und das ist wirklich seltsam – einem Haustier, dem man Befehle gibt (einem Hund). Wir werden diese Dinge noch nicht als vollwertige Menschen bezeichnen; „Haustiere“ trifft es eher.
Das Seltsame daran ist, dass dies unsere Interaktion mit Technologie verändern wird: Wie bereits erwähnt, werden wir nicht mehr lesen und schreiben, sondern mit unseren Werkzeugen sprechen, als wären sie ein anderes Wesen, und sie werden … zurücksprechen.
Nicht nur per Chat oder Sprache, sondern auch mit physischen Körpern. Erinnern Sie sich an diesen kleinen Disney-Roboter , der ständig mit Jensen Huang herumhing? Es wird sehr viel mehr Dinge dieser Art geben, die durch unsere Umgebung laufen, Dinge für uns erledigen oder direkt mit uns interagieren (wie, keine Ahnung, etwa ein Stift, mit dem man spricht?).
Ob es nun ein Disney- oder Microsoft-Rho-Roboter in der Küche, ein OpenAI-Stift in der Handfläche oder tausend Agenten in seinem Agenten-Store (Stand?) sind – das Ergebnis ist dasselbe: Wir werden schon bald nicht mehr ständig auf Bildschirme schauen, sondern wieder mit der realen Welt interagieren.
Anmerkung der Redaktion: Dieser Inhalt erschien ursprünglich im Newsletter unserer Schwesterpublikation, The Neuron. Weitere Beiträge von The Neuron können Sie hier über den Newsletter abonnieren.

