Der KI-Chatbot Claude von Anthropic kann seine Erklärungen jetzt selbst zeichnen – im wahrsten Sinne des Wortes.
Das Unternehmen aus San Francisco hat diese Woche eine Betafunktion eingeführt, mit der Claude interaktive Diagramme, Schaubilder und Visualisierungen direkt in Chat-Unterhaltungen erstellen kann – ganz ohne Code und ohne lästige Suche nach einem Seitenbereich.
Fragt man, wie Zinseszinsen im Laufe der Zeit wachsen, erscheint direkt im Chat eine Kurve. Fragt man nach dem Periodensystem, erhält man eine anklickbare Version, die sich Element für Element erkunden lässt.
Claude verfügt schon seit einiger Zeit über das, was Anthropic „Artefakte“ nennt: ausgearbeitete, herunterladbare Tools und Dokumente, die in einem Seitenbereich geöffnet werden. Doch das hier ist etwas anderes. Die neuen Visualisierungen sind für den jeweiligen Moment gedacht: Sie sind Teil der Unterhaltung selbst, verändern und entwickeln sich im Laufe des Gesprächs und verschwinden, wenn sie nicht mehr relevant sind.
Anthropic zufolge entstand die Funktion aus etwas, das das Unternehmen im vergangenen Herbst unter dem Namen „Imagine with Claude“ vorgestellt hatte – einem frühen Experiment, bei dem die KI in Echtzeit Visualisierungen erstellen konnte. Was jetzt erscheint, ist dieses Konzept in ausgereifter Form und für alle verfügbar, auch für Nutzer des kostenlosen Tarifs.
Die Funktion ist standardmäßig aktiviert. Claude entscheidet selbst, wann eine Visualisierung hilfreich wäre, Nutzer können ihn aber auch direkt dazu auffordern. Anthropic empfiehlt beispielsweise Anweisungen wie „Zeichne das als Diagramm“ oder „Visualisiere, wie sich das im Laufe der Zeit verändern könnte“. Nachdem Claude etwas erstellt hat, können Nutzer ihn bitten, es anzupassen, hineinzuzoomen oder das Konzept weiterzuentwickeln.
Im Wettbewerb bestehen
Damit kommt Anthropic in einer umkämpften Phase auf den Markt. OpenAI hatte erst wenige Tage zuvor in ChatGPT eine eigene interaktive Visualisierungsfunktion für Mathematik und Naturwissenschaften eingeführt, und Googles Gemini bietet bereits seit einiger Zeit interaktive Lernbilder an.
Anthropics Ansatz konzentriert sich darauf, diese Visualisierungen wie einen natürlichen Bestandteil des Gesprächsverlaufs wirken zu lassen. Die KI entscheidet häufig selbst, wann ein Diagramm hilfreicher wäre als ein Absatz Text.
Die Visualisierungen sind Teil eines umfassenderen Vorstoßes, Claudes Antworten dynamischer wirken zu lassen.
Anfang dieses Jahres fügte das Unternehmen speziell entwickelte Formate für Dinge wie Rezepte und Wetter hinzu: Ein Rezept enthält nun die passenden Zutaten und Zubereitungsschritte, und bei einer Wetteranfrage wird eine tatsächliche Visualisierung angezeigt. Claude ermöglicht es Nutzern inzwischen auch, mit Apps wie Figma, Canva und Slack zu interagieren, ohne die Unterhaltung zu verlassen.
Ebenfalls lesenswert: Anthropic weitet seinen Einfluss über KI-Tools hinaus aus – mit einer neuen Forschungsinitiative zur Zukunft der künstlichen Intelligenz und der Gesellschaft.

