Immer mehr Jugendliche finden Verbundenheit in Code. Eine von fünf Schülerinnen und Schülern an weiterführenden Schulen gab an, selbst oder eine ihnen bekannte Person habe eine romantische Beziehung zu einem Chatbot geführt, wie neue Daten des Center for Democracy & Technology (CDT) zeigen. Fast die Hälfte bezeichnet KI außerdem als Freund oder Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen, und einige merkten an, dass sich mit den Bots leichter reden lasse als mit den eigenen Eltern.
Der CDT-Bericht ergab, dass der intensive Einsatz von KI im Unterricht die Entfremdung zwischen Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften verstärkt. Viele Schülerinnen und Schüler sagen, dass sie sich durch KI im Unterricht weniger verbunden fühlen.
Die Daten hinter den Ergebnissen
Die Untersuchung basiert auf der Hand in Hand-Umfrage des CDT und befragte landesweit im Schuljahr 2024-2025 1.030 Schülerinnen und Schüler an weiterführenden Schulen, 806 Lehrkräfte und 1.018 Eltern. 86 Prozent der Schülerinnen und Schüler gaben an, im vergangenen Schuljahr KI genutzt zu haben, und die Hälfte sagte, sie habe sie für Schularbeiten eingesetzt.
Untersucht wurde, wie die rasche Verbreitung von KI an Schulen die Beziehungen, das Wohlbefinden und den Alltag der Schülerinnen und Schüler beeinflusst. Dabei wurde nicht nur sichtbar, wie Jugendliche diese Werkzeuge nutzen, sondern auch, was sie dabei zu verlieren drohen. Die Ergebnisse zeichnen ein aufschlussreiches Bild davon, wie tief die Technologie inzwischen in das emotionale und soziale Leben von Jugendlichen verwoben ist.
Von Hausaufgaben bis zu Herzensangelegenheiten
42 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler räumten ein, mit KI als Freund oder Begleiter gechattet oder sie als Möglichkeit genutzt zu haben, der Realität zu entfliehen.
Diese Gespräche finden allerdings nicht immer außerhalb der Schule statt. Fast ein Drittel der Schülerinnen und Schüler gab an, ein von der Schule ausgegebenes Gerät oder eine entsprechende Software für persönliche Gespräche mit KI zu nutzen. Das weckt Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und der verschwimmenden Grenzen zwischen Lernen und Freizeit. Für viele Jugendliche sind diese Chats emotional leichter als Gespräche mit Menschen: 38 % erklärten, dass es einfacher sei, mit KI zu reden als mit ihren Eltern.
Effizienter, aber weniger menschlich
In Klassenräumen, in denen KI häufiger zum Einsatz kommt, sagen die Schülerinnen und Schüler, der Zielkonflikt sei offensichtlich: Der Unterricht mag reibungslos ablaufen, aber er fühle sich weniger persönlich an. 50 % der Schülerinnen und Schüler gaben an, sich weniger mit ihren Lehrkräften verbunden zu fühlen, wenn KI im Unterricht eingesetzt wird, und 38 % erklärten, sie würden sich lieber an einen Chatbot wenden, als eine Lehrkraft zu fragen, wenn sie etwas nicht verstehen.
Die Forschenden stellten fest, dass dieses Muster verdeutlicht, wie leicht KI-Werkzeuge menschliche Interaktion verdrängen können. „Schülerinnen und Schüler sollten wissen, dass sie nicht tatsächlich mit einer Person sprechen. Sie sprechen mit einem Werkzeug“, sagte Elizabeth Laird, eine der Autorinnen und Autoren des Berichts.
Je stärker der Unterricht automatisiert wird, desto mehr deuten die Ergebnisse des CDT darauf hin, dass etwas schwerer Messbares verloren geht – das Gefühl der Verbundenheit, das Lernen menschlich hält.
Unvorbereitet, ahnungslos und schon abgehängt
Die Studie zeigte außerdem, dass die Menschen, die Schülerinnen und Schüler dabei anleiten sollen, Mühe haben, Schritt zu halten. Nur 11 % der Lehrkräfte gaben an, eine Schulung dazu erhalten zu haben, wie sie reagieren sollen, wenn sich die KI-Nutzung einer Schülerin oder eines Schülers negativ auf deren Wohlbefinden auswirkt.
Zudem berichteten viele Lehrkräfte, sie würden sich die Technologie nebenbei aneignen – oft mit wenig Orientierung dazu, wie sie deren emotionale oder ethische Folgen bewältigen sollen.
Auch Eltern sind kaum besser vorbereitet. Fast zwei Drittel räumten ein, keine Ahnung zu haben, wie ihre Kinder KI nutzen. Diese mangelnde Kenntnis, warnen die Forschenden, überlässt es den Schülerinnen und Schülern, zunehmend persönliche Beziehungen zu Algorithmen allein zu navigieren.
CDT-Präsidentin Alexandra Reeve Givens sagte in einer Pressemitteilung, dass „Schülerinnen und Schüler starke Beziehungen zu ihren Lehrkräften brauchen“. Die Vorteile von KI „dürfen nicht vom Kernauftrag der Schulen ablenken“, fügte sie hinzu.
Die Entfremdung zwischen Schülerinnen und Schülern und den Erwachsenen, die sie anleiten, könnte der wichtigste Befund von allen sein. Solange Schulen und Familien die Wissenslücke nicht schließen, werden sich Jugendliche weiterhin mit Fragen, auf der Suche nach Empathie oder sogar für romantische Beziehungen an KI wenden – also für Bedürfnisse, die Technologie zwar nachahmen, aber nicht wirklich erfüllen kann.
Das Thema gewinnt auch außerhalb von Bildungskreisen an Bedeutung. So hat OpenAI neue Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz junger Menschen eingeführt, die ChatGPT nutzen.

