Das Unternehmen, das Tesla bei den Verkäufen von Elektrofahrzeugen einst spektakulär überholt hat, will nun auf zwei Beinen stehen und Ihnen einen Roboter verkaufen.
Chinas größter Hersteller von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben, BYD, hat bestätigt, dass das Unternehmen eigene humanoide Roboter entwickelt. Unter dem Codenamen „Yao-Shun-Yu“ läuft die geheime Initiative bereits seit vier Jahren im Verborgenen und markiert einen massiven Vorstoß des Autobauers in das sich rasant entwickelnde Feld der verkörperten KI.
Das Projekt kam erstmals in einem kürzlich geführten Interview mit BYD Executive Vice President Li Ke ans Licht. Berichten von Pandaily und 36Kr zufolge wurde die Initiative 2022 unter BYDs 15. Geschäftseinheit gestartet, die für elektronische Integration und intelligente Systeme zuständig ist.
In ihrem Interview übte Li Ke unverblümte Kritik am aktuellen weltweiten Stand der Roboterentwicklung, um BYDs Markteintritt zu erläutern.
„Die grundlegende Herausforderung in diesem Bereich besteht darin, dass Chinas Roboter ein Gehirn fehlt, während US-amerikanische Roboter zwar über leistungsfähige Gehirne, aber schwache Gliedmaßen verfügen“, sagte Li Ke, laut Pandaily. „BYD will Roboter produzieren, die in beiden Bereichen überzeugen.“
BYD will diese Lücke schließen, indem das Unternehmen auf seine umfangreiche branchenübergreifende Fertigungsbasis zurückgreift. Es will seine vorhandene Expertise in den Bereichen Batterien, Motoren, elektronische Steuerungen, Präzisionsfertigung und Chips nutzen. Darüber hinaus soll das Roboterprojekt auf BYDs riesigem Ökosystem für automobile Intelligenz aufbauen.
Der Vorstoß passt zudem zu BYDs Heimatmarkt.
Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Shenzhen, einem südchinesischen Technologiezentrum, in dem Robotikunternehmen, Lieferketten für Elektrofahrzeuge, Lidar-Hersteller und Hardware-Start-ups ungewöhnlich dicht beieinander sitzen. Diese regionale Konzentration verschafft BYD einen praktischen Vorteil: Humanoide Roboter benötigen nicht nur KI-Software, sondern auch Batterien, Sensoren, Motoren, Präzisionsteile und die Fertigungsdisziplin, um sie in großem Maßstab zusammenzubauen.
Vom Werk bis zum Showroom
BYD muss seine ersten Kunden nicht in weiter Ferne suchen; das Unternehmen rechnet damit, selbst sein größter Abnehmer zu werden.
Laut 36Kr konzentriert sich das Unternehmen derzeit auf Industrieroboter, doch die kommenden humanoiden Modelle sind für zwei klar unterschiedliche Aufgaben vorgesehen: Sie sollen in Fabriken Schichten übernehmen sowie im weltweiten Einzelhandelsnetz von BYD als Einkaufsberater oder Empfangspersonal in den Filialen dienen, um den Arbeitskräftemangel zu lindern.
Allerdings wird BYD möglicherweise nicht jedes einzelne Bauteil der Maschine selbst fertigen. Li Ke erklärte, dass der Autobauer eine äußerst pragmatische Open-Platform-Strategie erwägt. Statt die Entwicklung auf interne Teams zu beschränken, könnte BYD eine Plattform aufbauen, die es Software und Komponenten von Drittanbietern ermöglicht, sich nahtlos zu integrieren, oder direkt mit etablierten Robotikunternehmen zusammenarbeiten, um die Entwicklungszeiten zu verkürzen.
Ein neues Wettrüsten der Autobauer
Die verschwimmende Grenze zwischen Fahrzeugbau und Robotik markiert einen neuen technologischen Höhepunkt für die Automobilindustrie. Führungskräfte betrachten autonomes Fahren zunehmend als die erste Phase der verkörperten KI, während vielseitig einsetzbare humanoide Roboter die natürliche zweite Hälfte darstellen.
Mit dieser Enthüllung reiht sich BYD in ein hochriskantes Wettrennen gegen mehrere lokale und internationale Konkurrenten ein, die physische KI bereits aggressiv einsetzen:
- Tesla: Der US-amerikanische Hersteller von Elektrofahrzeugen hat die Massenproduktion seines humanoiden Roboters Optimus Gen-3 aufgenommen. Bereits 50 Einheiten wurden an Teslas Gigafactory in Shanghai geliefert. Sie können bis zu 10 Stunden ununterbrochen bei 85 % der menschlichen Effizienz arbeiten, um Teile zu handhaben, Sitze einzubauen und Qualitätskontrollen durchzuführen, berichtete 36Kr.
- XPeng: Der Hersteller hat seinen humanoiden Roboter „IRON“ offiziell vorgestellt. XPeng plant, noch in diesem Jahr eine Version für die Massenproduktion zu präsentieren, sie zunächst in den eigenen Showrooms einzusetzen und im kommenden Jahr mit der Auslieferung an Kunden zu beginnen.
- Chery: Der Autobauer ist bereits in den kommerziellen Markt eingestiegen und hat über seine Tochtergesellschaft AiMoga den Online-Verkauf seines humanoiden Roboters Mornine M1 gestartet, der zu einem Einstiegspreis von 280.000 bis 285.800 Yuan (über 41.000 US-Dollar) angeboten wird.
BYD hat zwar noch keinen Zeitplan für die Markteinführung, keine konkreten Gesamtinvestitionen und keine technischen Daten für das Projekt „Yao-Shun-Yu“ veröffentlicht, doch das Kerngeschäft des Unternehmens im Automobilbereich bleibt äußerst dominant. Laut von CarNewsChina zitierten Daten verkaufte BYD allein im April 2026 insgesamt 321.123 Fahrzeuge, wobei Modelle wie der Sealion 06, der Yuan UP und der Dolphin den Absatz anführten.
Das Unternehmen setzt nun darauf, dass dieselbe Fertigungskraft, mit der es seine Elektroautos in großem Maßstab produziert, auch seine humanoiden Roboter erfolgreich zum Leben erwecken wird.
BYDs Roboterpläne kommen inmitten eines umfassenderen Booms der chinesischen Robotikbranche, in der Unternehmen wie Unitree Robotics die Aufmerksamkeit von Investoren auf sich ziehen und sich für mögliche Börsengänge positionieren.

