Der britische National Health Service meldet einen digitalen Durchbruch, der zugleich die Patientenversorgung verändert und dringende Warnsignale auslöst.
Seit Juli 2024 hat eine Überarbeitung der NHS-App 1,5 Millionen versäumte Termine verhindert und schätzungsweise 5,7 Millionen Arbeitsstunden des Personals eingespart – das entspricht Kosteneinsparungen von 789 Millionen US-Dollar, wie aus Daten der britischen Regierunghervorgeht. Doch während die digitalen Effizienzgewinne zunehmen, sorgt die unregulierte Verbreitung von KI-Transkriptionstools im klinischen Umfeld bei führenden NHS-Vertretern und medizinischen Verbänden für Besorgnis.
NHS-App sorgt für messbare Verbesserungen
Die Nutzung der NHS-App ist stark gestiegen: Inzwischen bieten 87 % der Krankenhäuser digitale Dienste an. Das sind fast 20 % mehr als vor einem Jahr und übertrifft das Regierungsziel von 85 % für März 2025.
Die Auswirkungen sind erheblich. In Krankenhäusern, die zentrale App-Funktionen nutzen, sanken die Wartezeiten für Behandlungen auf unter 18 Wochen um 3 %. Auf das gesamte Land hochgerechnet, könnte dies weiteren 211.000 Patienten ermöglichen, innerhalb des Zielzeitraums des NHS behandelt zu werden.
Die finanziellen Auswirkungen der App gehen über die klinische Effizienz hinaus. Seit Juli 2024 wurden fast 12 Millionen Briefe weniger verschickt, wodurch 6,6 Millionen US-Dollar an Portokosten eingespart wurden. Benachrichtigungen in der App sollen in diesem Jahr außerdem 15,7 Millionen SMS-Nachrichten ersetzen und die Kommunikationskosten um weitere 1,25 Millionen US-Dollar senken.
KI-Schreibassistenten breiten sich ohne Aufsicht aus
Im Gegensatz zur strukturierten Einführung der NHS-App breitet sich ein paralleler digitaler Trend mit deutlich weniger Kontrolle aus. KI-gestützte Schreibassistenten – Tools, die Patientengespräche in klinische Notizen umwandeln – werden in Tausenden Hausarztpraxen eingesetzt, häufig ohne die NHS-Compliance-Standards zu erfüllen.
Eine Recherche von Sky Newsergab, dass einige eingesetzte KI-Lösungen die Sicherheitskriterien des NHS nicht erfüllen. Dr. Alec Price-Forbes, Chief Clinical Information Officer von NHS England, warnte im Juni, dass „eine Reihe von AVT-Lösungen (Ambient Voice Technology), die trotz ihrer fehlenden Konformität … weiterhin in großem Umfang in der klinischen Praxis eingesetzt werden“.
Gesundheitsminister Wes Streeting räumte die nicht autorisierte Nutzung ein und sagte, er habe „anekdotisch im Pub“ gehört, dass Kliniker den offiziellen Programmen zuvorkämen. Als Reaktion darauf hat die British Medical Association Hausärzten geraten, den Einsatz von KI-Schreibassistenten einzustellen, sofern die Systeme nicht die erforderlichen Sicherheits- und Datenschutzprüfungen bestanden haben.
Klinische Studien zeigen das Potenzial von KI … bei richtiger Umsetzung
Trotz des regulatorischen Rückstands liefern kontrollierte Pilotprojekte mit KI-Schreibassistenten überzeugende Ergebnisse. In London hat eine von NHS England finanzierte und vom Great Ormond Street Hospital geleitete Studie die Ambient Voice Technology in mehr als 7.000 Gesprächen erprobt.
Erste Ergebnisse zeigen deutliche Verbesserungen: Kliniker verbringen mehr Zeit mit Patienten, Notaufnahmen erhöhen den Patientendurchsatz und die Termine dauern kürzer. Studien berichten durchgängig von einer Verringerung des Dokumentationsaufwands um 20–30 % sowie einer höheren Patientenzufriedenheit.
Auch der US-amerikanische Gesundheitsdienstleister Kaiser Permanente zeigte das Potenzial der Technologie und verzeichnete innerhalb von nur 10 Wochen mehr als 300.000 KI-gestützte Patientenkontakte bei 10.000 Ärzten. Kliniker gaben an, durch den geringeren Dokumentationsaufwand außerhalb der Arbeitszeit bis zu 40 Minuten pro Tag zurückzugewinnen.
Lücken bei der Einwilligung und Fragen zum Datenschutz treten zutage
Die Geschwindigkeit der KI-Einführung überholt jedoch sowohl die politischen Vorgaben als auch das Bewusstsein der Patienten. Eine aktuelle Umfrage aus Neuseeland ergab, dass weniger als 60 % der Hausärzte vor dem Einsatz von KI-Schreibassistenten um die Einwilligung der Patienten bitten. Nur 65 % der Befragten hatten die Geschäftsbedingungen der Tools gründlich geprüft.
Im Vereinigten Königreich verlangen die Richtlinien von NHS England eine ausdrückliche Einwilligung und einen umfassenden Datenschutz, einschließlich Verschlüsselung. Die Einhaltung dieser Standards unterscheidet sich jedoch erheblich zwischen den Praxen, was die Risiken einer dezentralen Einführung ohne Durchsetzung deutlich macht.
Die Zukunft der KI im NHS steht auf der Kippe
Mehrere NHS-Träger testen KI-Schreibassistenten in kontrollierten Pilotprojekten. Andere Träger prüfen verschiedene Plattformen und müssen sich zugleich mit komplexen regulatorischen und datenschutzrechtlichen Fragen auseinandersetzen.
Eine aktuelle NHS-Analyse ergab, dass sich nur zwei der 13 bedeutenden eingesetzten KI-Tools einer formalen klinischen Bewertung durch randomisierte kontrollierte Studien unterzogen hatten. Das verdeutlicht die Diskrepanz zwischen Innovation und Aufsicht.
Der Gegensatz zwischen dem streng gesteuerten Erfolg der NHS-App und der ungezügelten Verbreitung von KI-Schreibassistenten wirft eine zentrale Frage für das Gesundheitswesen auf – nicht nur in England, sondern weltweit: Kann die digitale Transformation skaliert werden, ohne die Sicherheit zu gefährden?

